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Sonntag, 14. Januar 2018

How To Stop Time - Matt Haig

Ich bin ein riesiges Matt Haig Fangirl. Sein Buch "Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben", hat mich so tief berührt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Es ist kein Talent, er hat es sich hart erarbeitet, die Welt so zu sehen, wie er es tut. Und das spürt man in jeder Zeile, so auch bei dieser Geschichte um den Geschichtslehrer Tom Hazard, der seinen Unterricht aus gutem Grund sehr lebendig gestaltet.


Tom Hazard ist alt. Sehr alt. Viele Jahrhunderte hat er durchlebt, hat für Shakespeare auf der Bühne gestanden und Hexenprozesse erlebt. Hat die goldenen Zwanziger, die rebellischen Achtziger und all die Jahre dazwischen erfahren. Die Zeit hat ihre Spuren an ihm gelassen, Tom ist müde von dem langen Leben und nach etlichen Identitäten auf der Suche nach Ruhe. Denn die Angst, dass jemand von seinem langsamen Alterungsprozess erfährt, ist übermächtig. Und ebenso groß ist somit auch die Angst, noch einmal die große Liebe zu verlieren, weil sie so schnell altert und er nicht.


Eine herzzerreißende Geschichte über die Suche nach dem Sinn des Lebens, die nicht nur einen Menschen bedrückt, der so langsam altert wie Tom Hazard.


Ich habe mich recht schnell in den Stil von Matt Haig verliebt. Die deutsche Übersetzung von Reasons to stay Alive (Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben) war schon toll. Aber in seiner Muttersprache geschrieben fließen die Worte wie ein Knäuel roter Fäden an meinen Augen vorbei. Und sie entwirren sich erst in dem Moment, in dem ich sie lese. Aber das Buch hatte einen großen Haken für mich und das war die durchdringende Niedergeschlagenheit des Protagonisten. So viel Leid und so viel Wehmut konnte ich nicht lange ertragen. Nicht an dem Punkt, an dem ich selbst beim Lesen in meinem Leben stand. Die wunderschön traurigen Worte haben etwas in mir aufgebohrt, das nach Antworten suchte und sie nur in kleinen Dosen verkraftete. Deshalb habe ich sehr lange an diesem Buch gelesen und sogar noch ein Buch dazwischen geschoben, um meine Laune ein wenig aus dem Tief zu zerren. Schuld war hier auf jeden Fall meine Empfindsamkeit. Die Geschichte ist sehr berührend und traurig, aber sie saugt einen ebenso auf und letztlich war bei mir der Drang, weiterzulesen, nur ein winziges Bisschen kleiner, als der Wunsch nach einer Verschnaufpause ;).

Was Tom beschreibt lässt recht schnell glauben, Matt Haig selbst wäre ebenso alt wie sein Protagonist. Die Art, wie Tom den Geschichtsunterricht betreibt, weckte in mir Sehnsüchte an die Schulbank. Bei einem solchen Unterricht wäre ich sicher nicht unter einem Haufen Fakten erstickt, ich hätte sie begierig aufgesogen wie ein Schwamm. Man glaubt ihm, dass er dort war. Und ich würde Matt Haig glauben, wenn er mir sagt, dass er 600 Jahre alt ist. Ok, das vielleicht nicht, aber er konnte die Figur des Tom Hazard auf unglaubliche Weise zum Leben erwecken und irgendwie glaube ich, dass Tom nicht nur auf diesen 300 Seiten lebt. Matt Haig hat seine eigene Geschichte mit der Depression und der Angst und sein Umgang damit hat mich vieles gelehrt. Und auch in How to Stop Time tauchen diese Eindrücke immer wieder auf. Denn wenn man depressiv ist, vergeht die Zeit tatsächlich anders. Sie ist zu schnell, man fühlt sich uralt und alles rast an einem vorüber. Im nu ist ein Jahr vergangen, nur ein Wimpernschlag und man hat nichts erreicht. Dieses Gefühl findet sich zwischen vielen Zeilen in diesem Buch wieder.

Die Geschichte hat eine eigensinnige Struktur. Sie geht nicht chronologisch vor, vielmehr sind es Erinnerungsfetzen, auf die aus der Gegenwart heraus aufgrund verschiedener "Erinnerungsauslöser" eingegangen wird. In sich sind die Fetzen in zeitlich korrekter und ausführlicher Reihenfolge, es gibt längere und kürzere. Das kann am Anfang sehr verwirren, aber wenn man sich eingelesen hat, kann man der Handlung gut folgen. Die Zeitsprünge sind nur manchmal ein wenig schwindelerregend. Man sollte sich die Zahlen nicht allzu genau ansehen, eine solche Zeitspanne für ein Menschenleben ist schlichtweg unvorstellbar.

Die Liebesgeschichte ist traurig und aussichtslos und man hofft ständig, dass sie eine Lösung finden, dass alles gut wird. Aber Matt Haig bleibt realistisch und setzt den Leser vor eine Wand. Es gibt keine Lösung, so zieht er es gnadenlos als roten Faden durch das Buch hindurch. Ich fand das sehr bedrückend und die Hoffnungslosigkeit war regelrecht verzehrend. Die Gesamtstimmung war dadurch dauerhaft etwas düster, gespickt mit kleineren Lichtfunken, wenn eine lebhafte und schöne Erinnerung aufkam. Aber auch die Gegenwart wandelt sich in kleinen Schritten dem Besseren zu und ich liebte die Entwicklung der Figuren, wenn auch das Deprimierende sehr vorherrschte.

How to Stop Time, ich könnte noch dutzende solcher Absätze darüber schreiben, ohne viel genauer auf die Geschichte einzugehen, aber lest sie bitte selbst. Matt Haig hat die Fähigkeit, den Menschen die Augen zu öffnen und einen wunderbaren "Aha-Effekt" hervorzurufen. Ein "Aha, so ist das" und "Aha, so habe ich das noch nie betrachtet". Seine Wortwahl ist zauberhaft und die Bilder mitreißend. Ich könnte jeden zweiten Satz als Zitat aufschreiben und hätte am Ende tatsächlich das halbe Buch aufgeschrieben, so schön fand ich die Worte. Also lest es, wenn ihr tiefgreifende Emotionen, Traurigkeit, Hoffnung und Selbsterkenntnis liebt, dann habt ihr damit die richtige Lektüre gefunden.